Empathie-Warmups schaffen Verständnis füreinander, bevor es inhaltlich zur Sache geht. Übungen für Perspektivwechsel und echtes Zuhören – in Teams, Workshops und in der Bildungsarbeit.
Bringt Teilnehmende in zwei Rollen, die im Alltag selten beide eingenommen werden – die der Kund:in mit einem Anliegen und die der Servicekraft, die damit umgehen muss. Im Rollentausch wird sichtbar, was die jeweils andere Seite eigentlich braucht.
Reduziert die nonverbale Reaktion auf das Gegenüber radikal und macht echtes Zuhören erfahrbar. Wer keine Mimik mehr lesen kann, hört genauer hin – und erlebt, wie viel Information sonst über das Gesicht läuft.
Zwei Personen, drei Minuten am Stück Sprechzeit – die hörende Person darf nichts sagen, nur zuhören, und fasst danach in einem Satz zusammen, was sie gehört hat. Macht radikal sichtbar, was beim Zuhören eigentlich passiert (oder nicht passiert). Theoretische Wurzel: Carl Rogers, klientenzentrierte Gesprächsführung. In Workshop-Varianten breit dokumentiert (SessionLab, Trainers Warehouse). Eignet sich als Empathie-Onboarding vor User-Interviews, Stakeholder-Gesprächen oder Co-Creation-Phasen. Nicht eignet sich die Übung am Workshop-Anfang – braucht etwas Vertrauen, sonst bleibt das Geteilte oberflächlich.
Klassiker aus Viola Spolins *Improvisation for the Theater* (1963) – Spolin gilt als Mutter der modernen Improvisation. Zwei Personen, eine bewegt sich langsam, die andere spiegelt synchron, dann Wechsel, in der dritten Runde ohne klare Führung. Trainiert nonverbale Empathie und macht erfahrbar, dass Synchronisation jenseits von Worten möglich ist – und sich anders anfühlt als Reden. Eignet sich vor Co-Creation-Phasen, Co-Pitch-Übungen oder als Übergang in eine Empathie-Session. Nicht eignet sich die Übung in Gruppen, die kein körperliches Aufeinander-Beziehen wollen – Berührungsangst oder sehr formelle Settings sind kein Ort dafür.
Mehrere leere Stühle, jeder steht für eine Stakeholder-Rolle (Kund:in, Vorstand, Lieferant, Endnutzer:in). Reihum setzt sich jemand auf einen Stuhl und beschreibt das aktuelle Problem laut aus dieser Perspektive. Macht in 15 Minuten sichtbar, dass dasselbe Problem aus jeder Rolle anders aussieht – und wo Empathie-Lücken im Team sind. Wurzel: Empty-Chair-Technik aus Fritz Perls' Gestalt-Therapie, Vorläufer Jacob Levy Morenos Psychodrama (1921). Business-Adaption: Amazons leerer „Customer Chair" in Meetings (Bezos-Praxis). Eignet sich vor Empathie- und Define-Phasen in Design Thinking, in Strategie-Workshops für Kund:innen-Perspektive. Nicht eignet sich die Übung, wenn die Stakeholder im Raum völlig unbekannt sind – dann wird's Stereotyp.
Schreibvariante zum Stakeholder-Stuhl, niedrigschwelliger Einstieg in Persona-Arbeit. 5 Minuten schreibend skizziert jede:r den Tagesablauf einer fiktiven oder realen Persona – was sie morgens sieht, was nervt, was hilft, was sie absurd findet. Etablierte Design-Thinking-Methode, dokumentiert bei NN/g, Cowan, Red Privet. Eignet sich für Workshops, in denen Persona-Material schon vorhanden ist und vertieft werden soll, oder als Empathie-Onboarding vor User-Interviews. Auch online sehr gut, weil rein schreibend. Nicht eignet sich die Übung ohne klare Vorgaben zur Persona – sonst wird's eine generische Erfindung.
Liberating Structure #19 von Keith McCandless und Henri Lipmanowicz. Paare, jede:r erzählt 7 Minuten eine Situation, in der sie sich nicht gehört, gesehen oder respektiert fühlten. Kein Fragen, kein Trösten, kein Ratschlagen – nur Zuhören. Danach 1-2-4-All-Harvest: Welche Muster zeigen sich? Eine der wirksamsten Empathie-Übungen, weil sie das Gegenteil von dem trainiert, was die meisten Workshops tun (Lösungen suchen). Eignet sich vor Konflikt- oder Kulturarbeit, in Führungskräfte-Workshops, in Retros nach schwierigen Phasen. Nicht eignet sich die Übung in kalten Gruppen oder zu Sessionbeginn – sie braucht psychologische Sicherheit, sonst öffnet sich niemand.
Paare oder Trios. Jede:r bekommt 2 Minuten Zeit, eine konkrete Beobachtung an die andere Person zurückzuspiegeln – „Ich habe gesehen, wie du heute Vormittag…". Stärker als pauschales Lob, weil beobachtungsbasiert. Workshop-Standard, dokumentiert bei SessionLab, FunRetrospectives, Workshop Leader. Wurzel in Gestaltherapie und Retrospektiven-Tradition. Eignet sich im letzten Drittel eines Workshops, am Ende von Team-Klausuren, in Retros nach intensiven Phasen. Nicht eignet sich die Übung am Anfang oder in Gruppen, die sich kaum kennen – ohne gemeinsame Beobachtungen kommt nur Leeres heraus.
Paare gegenüber, 60–90 Sekunden Augenkontakt halten, nicht sprechen, nicht inszeniert lustig machen. Macht Nähe und Verbindung körperlich erfahrbar – Forschung zu Oxytocin-Ausschüttung beim Augenkontakt unterstützt das. Inspiriert von der „60-Second Eye Contact Challenge" (aSweatLife, 2015) und Marina Abramovićs Performance *The Artist Is Present* (MoMA 2010). Eignet sich im Workshop-Mittelteil, vor sensitiven Themen, in Retreats und Vertiefungsformaten. Nicht eignet sich die Übung früh am Morgen, in kalten Gruppen, ohne explizite Opt-out-Möglichkeit oder bei Teilnehmenden mit Trauma-Hintergrund ohne Vorgespräch.
Übung aus Marshall Rosenbergs *Nonviolent Communication* (1999), Kapitel 3 – die erste der vier NVC-Komponenten. Paare bekommen eine Liste von Aussagen („Charlie behaved selfishly" vs. „Charlie skipped to the front of the queue") und entscheiden: Beobachtung oder Bewertung? Danach formuliert jede:r eine eigene Bewertung um in eine reine Beobachtung. Tape-Recorder-Test: „Würde eine Kamera das so aufzeichnen?" Macht in 15 Minuten sichtbar, wie oft im Alltag Bewertungen als Beobachtungen verkauft werden. Eignet sich vor Konflikt- oder Feedback-Sessions, in Führungskräfte-Workshops, in Co-Creation-Phasen, vor schwierigen Stakeholder-Gesprächen. Nicht eignet sich die Übung in Gruppen, die NVC schon intensiv praktizieren – dann ist sie zu basic.